Foto der Autorin: © Stefan Klüter/Suhrkamp Verlag
Wir laden ein in den Kinosaal der früheren Eden-Lichtspiele über der späteren Hanseaten-Diele zu Lesung und Gespräch mit Svenja Leiber:
In ihrem dritten bei Suhrkamp eben erschienenen Roman entwirft Svenja Leiber ein starkes psychogeografisches Porträt der Landschaft um Palmnicken, heute Jantarnyj, nordwestlich von Kaliningrad. Das Gelände will sich nicht schließen über dem größten Bernsteinabbaugebiet der Geschichte, einem wirtschaftlich und politisch ausgebeuteten, geschändeten Landstrich, versehrt und verwundet wie die Bevölkerung. Das Land wellt sich und klafft über einem Missbrauch, der 1945 in dem Plan gipfelte, über 3000 Mädchen und Frauen aus den Außenlagern des KZ Stutthof in den Stollen der „Anna-Grube“ einzumauern.
Es wurde und wird aber gelebt, schlecht und auch recht vom Bernstein und in seinem Bann, und was das Geschichtsgedächtnis nicht hergibt zwischen Aufstieg, Blüte und Verfall des Bergwerks und der Region, erschließt der Roman Wende für Wende entlang der verschütteten Wege, die das Leben vor allem der Frauen bestimmen. Oder die sie verlassen wie die unbeirrbare Kazimira.
Es wird gearbeitet, geliebt, gelitten, gebacken und angerichtet, viel angerichtet; es wird ausgewandert, ausgegrenzt, denunziert, gebrandschatzt, gemordet, gestorben und immer wieder geboren. Am Rand der „Annagrube“ türmt sich wie nebenbei der Aushub von anderthalb Jahrhunderten. Dass sich darunter bei allem Elend ein Leuchten verbirgt, fördert Svenja Leibers forschende und funkelnde Erzählkunst eindrücklich zutage.
Kritiken:
Ulrich Greiner, DIE ZEIT 19. Aug. 2021
Paul Jandl, Neue Zürcher Zeitung 8. Sept. 21 Svenja Leibers Roman «Kazimira» erinnert an ein Verbrechen der SS (nzz.ch)
Eine Veranstaltung unserer Buchhandlung. Anmeldung unter buchhandlung@makulatur.com u. 0451-70 79 971 Eintritt 8 EUR
Den Akt der Thomas-Mann-Preis-Verleihung belebte in vergangenen Jahren mitunter ein Moment der Überschreitung. Unvergessen Borchmeyer, Präsident der Bayerischen AdK, der, überschwänglich kostümiert - Schärpe, Medaillon – das Zeremoniell der Jetztzeit entrückte und sich glücklich pries, Ingeborg Bachmann auszeichnen zu dürfen. Man schrieb 2010, Christa Wolf wahrte die Fassung. Sein Nachfolger Michael Krüger verlas den Urkundentext, sagte also nichts Falsches und kraulte (sah man da recht?) dem Empfänger Safranski wie tröstend den Nacken. Diesmal blieb der Akademiepräsident aus und damit der Münchener Beitrag und auch die ersehnte Entgleisung.
Indes solche Details sonst eher hinterrücks an den Übervater des Preises erinnerten, verblüffte diesmal die unverzügliche Einberufung des Patrons. Nora Bossongs dritter Roman ‚Gesellschaft mit beschränkter Haftung‘, Aufstieg und Fall eines Familienunternehmens, hatte den Ton gesetzt. Die Bremer Herkunft vertrug sich damit, und ans Rednerpult trat – unverkennbar! – Gerda Buddenbrook.
Nora Bossongs schöne Rede - Referenz an TM und Ambivalenz – löste sich aus der hanseatischen Umklammerung in einer unerwarteten Wendung: sie steuerte zu auf ein Gedenken an den im Oktober verlorenen Vater, das dem Nachdenken über Verwandtes, Verehrtes und Versehrtes, Konvention und Kontrolle, Davos, Chaos und Contenance, Isolation und Zeitdimension eine eigene, sehr lebendige Konsequenz lieh.
Vor alledem, morgens, stellte sich Nora Bossong in unserer Buchhandlung dem NDR. Es fielen mehr Worte, als übrigblieben. Die Schwelle des ersten Satzes? Die Hürde baue sich eher bei Seite 23 auf. Und Anderes mehr rückte die journalistischen Fragen zurecht. Bleiben durfte die sprechende Pause, siehe Autorin Nora Bossong erhält renommierten Thomas Mann-Preis | NDR-Fernsehen
Ab 15. Juni liegen Nora Bossongs politische Texte vor: ‚Auch morgen‘, edition suhrkamp
'Es gefällt mir wirklich, wenn ich das rechte Ding im falschen Raum und das falsche Ding im rechten Raum bin.....Meist ist es die Sache wert, wenn du das rechte Ding im falschen Raum und das falsche Ding im rechten Raum bist, weil immer etwas Witziges dabei herauskommt. Das kannst du mir glauben, denn ich habe damit Karriere gemacht, dass ich das rechte Ding im falschen Raum und das falsche Ding im rechten Raum war. Da kenne ich mich wirklich aus!'
So Andy Warhol in 'The Philosophy of Andy Warhol (From A to B and Back Again)', erstmals 1975 in New York erschienen, hier zitiert aus der vergilbten deutschen Erstausgabe von 1991. Ein Taschenbuch, das es leider nicht mehr gibt. Aber dies gibt's:
Blake Gopnik: Warhol. Ein Leben als Kunst. Die Biografie, tausendzweihundertzweiunddreißig Seiten stark, ganz unvergilbt, weil neu erschienen bei Bertelsmann.
Die Lehre des Gartens. Das Grün in den Schalen. Simplicity...oder ganz einfach: Wir haben wieder geöffnet!
"Die Katze (deren Tage wir beenden mussten): Die vollkommene Stille ihrer Schritte, wo immer sie auch hinging - Vorüberhuschen eines hellen Schattens, für uns halb abwesend, wie einem friedlichen Traum entsprungen, ihre nur seltenen Schreie, und diese in letzter Zeit immer kürzer und schwächer. Mehrmals am Tag fast minutengenaue Rituale, ab dem Erwachen; und auch die Anhänglichkeit, die sie hervorruft und für die sie ihrerseits so diskrete Beweise liefert: und doch eine kleine Seele, sichtlich in Sorge oder beleidigt bei unseren wenigen Reisen...Eine kleine Seele in Pelzpantoffeln, nicht viel, aber dennoch."
aus Philippe Jaccottet (geb. am 30. Juni 1925, gestorben am 24. Februar 2021): Die wenigen Geräusche. Späte Prosa und Gedichte. Erschienen im Hanser-Verlag 2020
Manche Kröte bleibt noch zu schlucken. 'Wenn Sie das hier lesen, wird das Gröbste schon vorbei sein. Vielleicht wird es aber auch erst noch kommen. In Wirklichkeit haben wir überhaupt keine Ahnung, was das Gröbste gewesen sein wird, und möglicherweise werden wir es auch nie wissen. Die Auswirkungen, die das Ganze haben wird, werden später noch ganz andere Auswirkungen haben, von denen selbst Sie jetzt, wo Sie das lesen und schon viel mehr Ahnung haben als ich, wo ich das schreibe, nichts ahnen können. Manches wird so sein, wie wir es befürchteten, anderes ganz anders und manches wird auf wundersame Weise genau so gekommen sein, wie wir es uns immer gewünscht haben.'
Mit Lola Randls Eröffnung ihres coronachronistischen Romans 'Die Krone der Schöpfung' (erschienen im September 2020 bei Matthes & Seitz) wünschen wir den Freund*innen unserer Buchhandlung einen optimistischen Start ins neue Jahr. Gesundheit!
Will heißen:
'Wir hängen Gedanken in den Wind. Wir feuern im Haus den Herd an, holen Töpfe und Tiegel aus dem Schrank. Wir putzen, schnippeln, rühren, kneten, würzen, füllen, fetten, formen. Erinnerungen kochen hoch, Gelesenes und Gelebtes, auch Neues, Ungeahntes. Gemeinsam schmecken wir Speisen ab, brechen Brot, verwandeln Wasser in Wein, geben Lebensschwänke zum Besten und was uns am Lachen hält. Messer werden gewetzt, Gläser poliert. Es wird aufgetafelt. Eine Woche lang!'
In wie kleiner Runde auch immer: Wir wünschen den Freundinnen und Freunden unserer Buchhandlung ein frohes Fest!
Der Text entstammt der 'Kladdenprosa' der herz-, leib- und seelenerquickenden Erzählung 'Schmoren im Paradies' als anschauliches Resultat eines auf 8 'Makulaturblättern' ausgiebig skizzierten kulinarischen Selbstversuchs von Kerstin Hensel und Carola Wiemers, erschienen 2020 im Quintus-Verlag.
Das Schiff oben ist eine der illustrierenden Collagen von Ruth Tesmar, dem Titelblatt entnommen und saisongerecht modifiziert (Nachsicht, bitte).
Caspar David Friedrich wusste es auch nicht besser als die meisten von uns. Der Romantiker, der sich bis Anfang des 19. Jahrhunderts überwiegend im tannenfreien Norden aufgehalten hatte, malte und zeichnete immer wieder Fichten, wenn er Tannen meinte.
Dass die Tanne, bereits zu seiner Zeit Opfer rationeller Forstwirtschaft zugunsten der Fichte, heute der Baum der Stunde ist, stellt Wilhelm Bode in seinem Tannenportrait eindrücklich dar:
Tief wurzelnd, damit trockenheits- und sturmresistent, in seiner Baum-Jugend auf Waldesdunkel, also gesunden Misch- und Mehrgenerationenwald angewiesen, ist unser aller Weihnachtsbaum der Baum, der dem Klimawandel trotzen könnte. Lassen wir ihn wieder zu Ehren kommen - nicht nur zur Weihnachtszeit.
Das Buch 'Tannen. Ein Portrait von Wilhelm Bode' ist in der Reihe 'Naturkunden' bei Matthes & Seitz gerade erschienen. Im Schaufenster stellen wir der Frontispiz-Abbildung alter Tannen aus dem Buch einige Zeichnungen Friedrichs gegenüber.