Die Musik hat ausgesetzt. Seine Reise nach Jerusalem endete zwischen den Stühlen.
Dieser November ist kein guter Monat, an den Todestag des jüdischen Lübecker Professors für Neuropsychologie Rolf Verleger zu erinnern, der als Mitgründer der neuen Jüdischen Gemeinde Lübeck und Delegierter des schleswig-holsteinischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden im Zentralrat gegen die militärischen Operationen Israels im Zweiten Libanonkrieg 2006 erst intern, dann offen in der taz Einspruch erhob, die „Berliner Erklärung Schalom 5767“ initiierte, dem Bündnis BIB (jetzt BIP) und 2009/10 der Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost vorstand, die 2019 im Zuge der heftig umstrittenen Verleihung des Göttinger Friedenspreises als BDS-nah von sich reden machte und heute die Gräueltaten der Hamas beschweigt.
Verleger sah in der massiven militärischen Antwort auf die Attacken der libanesischen Hisbollah einen Brandbeschleuniger von Antisemitismus; den Widerspruch zur Friedensbotschaft und Ethik des Judentums und zur öffentlichen Rolle des Zentralrats als moralische Kontrollinstanz erfuhr er als ein Dilemma – seine Kritik schreckte vor einem Vokabular nicht zurück, das inzwischen weltweit kursiert als radikaler Gemeinplatz antiisraelischer Propaganda.
Im Juni 2019 baten wir ihn um ein Wort im Rathaus zur Vorstellung der eben übersetzten Autobiografie Chaim Cohns. Erlebt haben wir ihn als einen Redner, der sich mit Empathie den erwartungsvollen Aufbaujahren des israelischen Rechtsstaates zuwandte, an dessen Ausgestaltung der Jurist Cohn, Enkel des Lübecker Rabbiners Salomon Carlebach, im Justizministerium und am Obersten Gericht im Zeichen der Menschenrechte und eines liberalen Judentums streitbar und ausgleichend mitgewirkt hat.
Zu sagen, er habe sich in die Nesseln gesetzt, tönt dieser Tage besonders harmlos. Und beschreibt doch die unverdrossene Gesprächs- und Konfliktbereitschaft, mit der Rolf Verleger seine Person und seine Ämter zur Disposition gestellt hat. Postum wurde er 2022 in der Lübecker Carlebach-Synagoge mit dem Erich-Mühsam-Preis ausgezeichnet.
Abb.: Chaim Cohn, Aus meinem Leben. Jüdischer Verlag 2019. Buchvorstellung mit Thomas Sparr/ Suhrkamp, Nadine Garling, Judaistin, und Rolf Verleger am 13.06.2019 im Audienzsaal des Lübecker Rathauses
Relativiert eine multiperspektivische Erinnerungskultur die Singularität der Schoah?
Welchen Effekt hat der antihegemoniale Diskurs um den Kolonialismus auf die Haltung gegenüber Israel?
Dicht am Puls des Konflikts, der die überfällige Debatte seit dem Massaker der Hamas befeuert und blockiert, untersuchen und vermitteln Autor*innen und Herausgeber*innen des kritischen Sammelbandes 'Frenemies', erschienen 2022 in Kooperation mit der Bildungsstätte Anne Frank, konkurrierende Positionen zu brennenden Fragen wie:
Können Linke antisemitisch sein?
Wie hängt der Kapitalismus mit Antisemitismus zusammen?
Ist Kritik an Israel antisemitisch?
Hat der Kunstbetrieb ein Problem mit Antisemitismus?
Ist Zionismus eine Form von Kolonialismus?
Gibt es Konkurrenz in der Erinnerung an den Holocaust und Kolonialismus?
Gibt es einen spezifischen Antisemitismus unter deutschen Muslim*innen?
Was bringt jüdisch-muslimischer Dialog?
Bildungsarbeit gegen Antisemitismus und antimuslimischen Rassismus: Geht das zusammen?
Sina Arnold, Saba-Nur Cheema und Meron Mendel haben den hochinformativen Band herausgegeben, ca. 50 weitere teils konträr positionierte Autor*innen zusammengetrommelt und schon vor Drucklegung im Ringen um ein Nebeneinander in einem Wespennest gestochert.
Frenemies. Antisemitismus, Rassismus und ihre Kritiker*innen. Herausgegeben von Meron Mendel, Saba-Nur Cheema und Sina Arnold. 350 Seiten. Edition Bildungsstätte Anne Frank 3. Verbrecher Verlag Berlin 2022. EUR 20,00
Es war sehr frisch!
Während am Timmendorfer Strand, sonst auch bekannt für seine hohen Kiefern, Palmen (Palmen!) aufpoppen, suchen wir Erquickung in böhmischen Dörfern und bayerischen Wäldern.
Erstmals in zwanzig Jahren bleibt die Buchhandlung für zwei Wochen geschlossen. Wir wünschen den Bleibenden und Reisenden eine schöne Ferienzeit!
Wir danken unseren Gästen für reichlich und delikat Beigetragenes und Herbeigetragenes, danken allen Gestaltern und Gestalten des turbulenten Abends - speziell Hanne Römer für die gesellige Unterwanderung und das subversive Verzetteln des Buchbestands, Frank Baake für die Engführung versprengter Ereignisse im versöhnenden Vortrag und Martin Schneider dafür, dass unser vertagter Jubeltag keinesfalls sang- und klanglos verebbte.
Im Gegenteil. Wir wollen nicht verschweigen, dass die Letztverbliebenen gegen Morgen, einander nach vergrabenen Talenten ausforschend, in die Nähe eines Jodeldiploms gerieten.
Fotos: Christopher Greiss (Herzlichen Dank auch dafür!)
20 Jahre maKULaTUR! Darauf wollen wir mit Ihnen und euch am Samstag, dem 15. April, ab 20 Uhr endlich anstoßen.
Damit das geschriebene Wort nicht ganz untergeht, fallen ex machina ein:
- Hanne Römer aus Wien mit einer schreibmaschinellen Inventur und beiläufigen Intervention ihrer .aufzeichnensysteme
- Frank Baake, von Fall zu Fall wiederkehrend aus Düsseldorf, diesmal mit einer Passage aus Pancaldis Fall und mit
- Martin Schneider aus Berlin am Piano
Wir freuen uns auf Sie und euch bei Wein und ansonsten leichter Kost!
Birgit Böhnke und Regina Giese
oben: Dezember 2002
darunter: April 2023
Nun sind wir schon weit über zwanzig!
Das Sortiment wuchs. Seht her! Nur ist es nicht in die Jahre gekommen: Es verjüngt sich mit jeder Woche und jedem neu erscheinenden Buch.
Den Reisenden raten wir zur bella figura an der Rezeption und empfehlen zur Vorbereitung wärmstens:
Keine Ostergrüße mehr! Die geheime Gästekartei des Grandhotel Waldhaus in Vulpera*
Wir aber möchten Sie und euch wiedersehen und wünschen Bleibenden und Reisenden schöne Ostertage!
*) erschienen in der Edition Patrick Frey (s. unter 'kulturwissenschaften')