O Tannenbaum


dein Kleid will mich was lehren...


Schaufenster im Dezember 2020

Caspar David Friedrich wusste es auch nicht besser als die meisten von uns. Der Romantiker, der sich bis Anfang des 19. Jahrhunderts überwiegend im tannenfreien Norden aufgehalten hatte, malte und zeichnete immer wieder Fichten, wenn er Tannen meinte.

Dass die Tanne, bereits zu seiner Zeit Opfer rationeller Forstwirtschaft zugunsten der Fichte, heute der Baum der Stunde ist, stellt Wilhelm Bode in seinem Tannenportrait eindrücklich dar:

Tief wurzelnd, damit trockenheits- und sturmresistent, in seiner Baum-Jugend auf Waldesdunkel, also gesunden Misch- und Mehrgenerationenwald angewiesen, ist unser aller Weihnachtsbaum der Baum, der dem Klimawandel trotzen könnte. Lassen wir ihn wieder zu Ehren kommen - nicht nur zur Weihnachtszeit.


Das Buch 'Tannen. Ein Portrait von Wilhelm Bode' ist in der Reihe 'Naturkunden' bei Matthes & Seitz gerade erschienen. Im Schaufenster stellen wir der Frontispiz-Abbildung alter Tannen aus dem Buch einige Zeichnungen Friedrichs gegenüber.

Die Todesfuge vor Gericht


Vorläufige Einstellung des Verfahrens und Wiederaufnahme

Das Celan-Jahr steht unter keinem glücklichen Stern. Noch kreisen wir um die Leerstelle, die sich am 16. November auftut: Nur 20 der 60 längst Angemeldeten dürften laut den jetzt geltenden Maßnahmen im Betsaal der Synagoge Platz finden.

Wir fassen uns in Geduld und verschieben das geplante Podiumsgespräch zwischen Thomas Sparr und Hans Ernst Böttcher auf einen unbestimmten Termin im neuen Jahr, zu dem unbesorgt alle kommen können, die kommen wollen.

Und nun kommen bitte alle gut durch den November!
Was immer Sie in der Zwischenzeit von und zu Celan lesen möchten, Sie finden es vor bei uns im Kerngeschäft, im Kerngehäus in der Hüxstraße.


'Wir schälen die Zeit aus den Nüssen und lehren sie gehn:
Die Zeit kehrt zurück in die Schale.'

(Celan, Corona/ Mohn und Gedächtnis)

Die Todesfuge vor Gericht. Eine Recherche


Thomas Sparr und Hans-Ernst Böttcher im Gespräch


16. November 2020
Carlebach Synagoge, Großer Betsaal
Sankt-Annen-Str. 11-13
19.00 Uhr

Thomas Sparr, Suhrkamp, Autor des Buches „Todesfuge – Biographie eines Gedichts“ (DVA 2020) und langjähriger Leiter des Jüdischen Verlags, im Gespräch mit Hans-Ernst Böttcher, Präsident des Landgerichts i.R.

1957 nahm Paul Celan in Lübeck den Kulturpreis des Bundes der Deutschen Industrie entgegen – seine erste Auszeichnung überhaupt, ausgelobt von einem Verband, der Unternehmen zu seinen Mitgliedern zählte, die von der mörderischen Zwangsarbeit beim Bau der ‚DG IV‘ profitiert hatten, dem SS-Mammutprojekt einer gigantischen ‚Durchgangsstraße‘ von Lemberg bis Stalino für den Nachschub von Kriegsgütern nach Osten.

Die einzige Quelle zur Ermordung der im Arbeitslager Michailowka Inhaftierten, darunter Celans Eltern, führt Anfang 1960 auf die Spur des SS-Sturmbannführers Franz Christoffel, Lübeck, Possehlstraße 41, 1942 hauptverantwortlich für den entsprechenden Bauabschnitt II und die Massentötung rumänischer Juden. Bei Prozessbeginn 1967 konnte der inzwischen Verstorbene nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden. Der traurige Wahrheitsgehalt der Todesfuge bricht nirgends so massiv hervor wie in den Ermittlungen der Lübecker Staatsanwaltschaft.
Darya Jakobovich wird ins Russische übersetzen.


Eintritt EUR 8,00, für Mitglieder der Jüdischen Gemeinde frei. Kopfbedeckung (Herren) erbeten


Eine Veranstaltung unserer Buchhandlung. Anmeldung unter buchhandlung@makulatur.com oder 0451-70 79 971

Einladung zur Autorenlesung


Bernd Greiner: Henry Kissinger – Wächter des Imperiums


Mittwoch, 7. Oktober 2020
19:30 Uhr
Diele Mengstraße 41
23552 Lübeck

Der USA-Experte Bernd Greiner stellt seine soeben erschienene profunde Kissinger-Biographie vor.

Heinz Kissinger, fünfzehnjährig mit der jüdischen Familie aus Fürth nach New York entkommen, Sicherheitsberater zweier Präsidenten, Außenminister, Elder Statesman, Bestsellerautor: Popstar der Politik in einem Amerika, das in einer multipolaren Welt um seine Bedeutung ringt. Ein Verfechter der „Madman-Strategie“, die auf Unberechenbarkeit setzt. Karrierist, Intelligenzbolzen, Partylöwe, Primadonna. Sein Renommee besticht, seine Wortmeldungen polarisieren, seine Bonmots verführen.
Mit Helmut Schmidt war er befreundet, Willy Brandt wünschte er unter die Erde. Die Möglichkeiten des Imperiums hat er überschätzt. Aber die Folie zu einem grandiosen Drehbuch für sein immerwährendes Comeback hat es ihm geliefert. O-Ton aus dem Oval Office unter Nixon vervollständigt das Bild. Bernd Greiner zeichnet das schillernde Portrait eines auf verstörende Weise aktuellen und obsoleten Exponenten amerikanischer Außenpolitik.

Bernd Greiner, Prof. i. R., Historiker, Politikwissenschaftler und Amerikanist, Autor zahlreicher Bücher und Aufsätze zur Geschichte internationaler Beziehungen, ist Gründungsdirektor des „Berlin Center for Cold War Studies“, lehrte Außereuropäische Geschichte an der Universität Hamburg und leitete den Arbeitsbereich „Theorie und Geschichte der Gewalt“ am Hamburger Institut für Sozialforschung. Er lebt heute in Lübeck. Seine Kissinger-Biographie ist am 17. September im Verlag C. H. Beck erschienen


Eine Veranstaltung unserer Buchhandlung. Anmeldung erbeten unter buchhandlung@makulatur.com oder 0451-70 79 971


Das Foto ist dem Buch Bernd Greiner: Henry Kissinger – Wächter des Imperiums (C.H. Beck 2020) entnommen.

Niendorf an der Ostsee

23. bis 25. Mai


1952. Paul Celan nimmt teil an der Tagung der Gruppe 47

 

„Jedesmal, wenn ich an dieses Dorf an der Ostsee denke, habe ich den Eindruck, als käme ich vom Ende der Welt zurück“, schreibt Celan Ende Mai 1952 an Gisèle de Lestrange, die er noch siezt, nach Paris, und Anfang Juni:

„Nachmittags um vier brachte mich ein Wagen der Rundfunkanstalt zusammen mit drei anderen Teilnehmern nach Niendorf. Wir fuhren mit 120 Stundenkilometern durch eine Landschaft, die fast keine war: Heide ohne Konturen, Ankündigung des Meeres (..)

In Niendorf Empfang mit Missverständnissen. Frau Richter (..) hielt mich für einen Franzosen und machte mir zunächst einmal Komplimente für mein perfektes Deutsch (..) Am nächsten Tag die ersten Lesungen. Etwa 50 Personen saßen in der großen Halle des Hotels, in dem wir wohnten, in tiefen Sesseln – das alles erweckte den Eindruck einer Versammlung von Leuten, die sich bürgerlich mit einer Welt ausgesöhnt hatten, deren Erschütterungen sie immerhin zu spüren bekommen hatten. Nun ja … Erster Waffengang. Lesungen, dann Stellungnahme der ‚Kritik‘, Worte mit oder ohne inneren Horizont.“

Dass es noch schlimmer kam, hat sich so und ähnlich herumgesprochen. Celan selbst schreibt noch am 31. Mai an Klaus Demus nach Wien: „Ich war dort oben beleidigt worden. H. W. Richter (..) sagte nämlich, meine Gedichte seien ihm auch darum so zuwider gewesen, weil ich sie im ‚Tonfall von Goebbels‘ gelesen hätte. Und so etwas muß ich erleben!“ Nachträglich hinzugefügt: „Nach der Lesung der Todesfuge“.


Das Foto von Isolde Moser und die Celan-Zitate sind Thomas Sparrs im März erschienenem Buch Todesfuge – Biographie eines Gedichts entnommen, Kapitel Niendorf 1952 (siehe auch buchhandlung/ neuerscheinungen)

Jane’s Walk

Mai 2020


Jane Jacobs (1916-2006), US-amerikanische Schriftstellerin, Architekturkritikerin und Aktivistin, veröffentlichte 1961 das Buch `The Death and Life of Great American Cities`, in dem sie die Ideen des modernistischen Städtebaus kritisiert und eine neue Vision von vielfältigen, feinkörnigen Städten, die für und von Menschen gestaltet werden, beschreibt.

Vermehrt sind jetzt eskapistische Tendenzen zu verzeichnen. Wer die Reiseziele im eigenen Zimmer bis zur Erschöpfung angesteuert hat, der möge jetzt nichts überstürzen. Zur vorbereitenden Akklimatisierung empfehlen wir den Anflug eines Ausflugs in die allernächste Umgebung: Folgen Sie

Jane's Walk. Ein Projekt des ArchitekturForumLübeck

Beginnen Sie beherzt in der Altstadt und dehnen Sie Ihre Reise, sobald die Kondition es erlaubt, mit leichtem Gepäck allmählich aus in die angrenzenden Quartiere, sachkundig angeleitet von Fachleuten und Bewohnern!
Und selbstverständlich, das ist das Schöne, können Sie jederzeit hierher zurückkehren, sollte denn ein Reisefieber Sie zu übereilten Vorstößen in die Diaspora bewegt haben.

Zwischen Stillstand, Schub und Aufschub


April 2020

Einfälle statt Ausfälle - künstlerische Positionierungen in Ausnahmezeiten

Hanne Römer: Pendelnd zwischen Wien und dem Künstlerhaus Lauenburg kennt man sie, wenn man sie kennt, und sie tut einiges, das zu verhindern, indem sie sich zum Beispiel .aufzeichnensysteme nennt und unter dieser Mehrzahl Typoskript, Zeichnung, Tonspur und Video versammelt, aus deren Sprache sich dann aber doch wiederum das sehr spezifische Medium Hanne Römer herausschält, wie ihr Auftritt bei uns mit ihrem Buch IM GRÜNEN im Februar 2017 bestätigte.
Liebend gern hätten wir sie hier im April zu einer ausgefallenen Lesung in persona aus den Seiten ihres neuen Buches GRATE entsteigen sehen.

Indessen befragt sie, elbabwärts gestrandet und gewappnet mit einer Schwäche für die Peripherie, mittels Schreibmaschine und Tonbandgerät das Medium als solches. Die Systeme - aufzeichnungstechnisch, digital, gesellschaftlich - vertragen sich nicht immer.

Das Literaturhaus Wien vermittelt und hat im Rahmen der Erich Fried Tage österreichische Autor/inn/en eingeladen, sich in kurzen Videobeiträgen mit der aktuellen krisenhaften Situation zu befassen. Bis Ende Juni 2020 kommen jede Woche neue Videobeiträge hinzu, die bis 31. August 2020 zu sehen sind.


Kurzvideo stillstand in arbeit von Hanne Römer unter https://erichfriedtage.com in bis Juni anwachsender Gesellschaft. Blättern Sie vor und zurück - wir halten kaum Schritt mit dem Stillstand!


Hanne Römer (artist & poet)
http://aufzeichnensysteme.net
out now GRATE, siehe buchhandlung/ Neuerscheinungen und Kunst

Lock'n Roll


30. April 2020

Alexander Kluge
30. April 1945, Seite 144: Haarschnitt für die neue Zeit


"Mein Vater ließ sich von einem Friseur, der als Flüchtling aus Schlesien eingewandert war, am 19. Tag nach Einmarsch der Amerikaner (in Halberstadt) in seiner Arztpraxis die Haare schneiden. Es war bei seiner Glatze wenig zum Schneiden oder zum Frisieren da. Gerade daß das Stutzen der Augenbrauen etwas hergab. Mein Vater hatte gute Laune, er beschenkte den Friseur. Es sei ein Luxus, sagte er, daß ein solcher Friseur einen Hausbesuch mache, was sonst nur die Ärzte tun."

In Zeiten, wo die modische Mundbedeckung die Kopfbedeckung ablöst, empfehlen wir dringend: Gönnen Sie sich die gepflegte Rasur, Frisur und Tonsur. Von Hausbesuchen raten wir ab. Ein Restrisiko freilich bleibt, und es ist schwer zu prognostizieren, welch ein verhairendes Unglück die Sitzung bei Lock'n Roll, Crowning Glory, Sophisticut oder Hairforce im Einzelfall anzurichten imstande ist. Nehmen wir die Hairausforderung an!


Das Foto oben entnehmen wir dem Buch von Inés Rae KURL UP'N DYE; Wild Pansy Press 2007, wie auch andere schöne Fotobücher zum derzeit eingesperrten Friseurhandwerk (LOCKerung folgt!) bei uns in Einzelexemplaren vorrätig, z. B.: Tally Abecassis & Claudine Sauvé: 'Barbershops'. Black Dog Publishing 2005, 'Salon Moderne', Edition Patrick Frey 2015, 'The Barber Book', Phaidon 2016 und Gaechter & Clahsen: 'Fünf Finger Föhn Frisur', Edition Patrick Frey 2019.