Schaufenster im Advent


1. Dezember 2021

Ein Katalog Tannenbäume zum Aussuchen? Im Advent deuten wir uns die Dokumente einer experimentellen Walderkundung, abgebildet in 'Sheung Yiu - Ground Truth', leichtfertig um und ergänzen die digital isolierten Baumsilhouetten um ein Foto aus 'Earth, Wind, Fire, Water' (fotografiert von Karoline Hjorth und Ritta Ikonen) zum vorweihnachtlichen Schaufensterensemble mit Mrs Sim im verschneiten Geäst - ganz im Sinne der Recherche, die zwischen visueller Technologie, menschlicher Wahrnehmung und realer Umgebung vermitteln will.


Näheres siehe 'Sheung Yiu - Ground Truth' (The Eriskay Connection und Kone Foundation 2021) und Randi Grov Berger, Tonje Kjellevold: 'Earth, Wind, Fire, Water. Nordic Contemporary Crafts. A Critical Craft Anthology' (Arnoldsche 2020), beides unter 'scandinavia'

Bernd Greiner: Made in Washington

Einladung zu Lesung und Gespräch


Samstag 27. November
19 Uhr im Haus EDEN
Königstraße 25

Der USA-Experte Bernd Greiner, Prof. em. für Neueste Geschichte, stellt seine im Oktober bei C.H. Beck erschienene scharfe Analyse amerikanischer Ordnungspolitik vor:

Made in Washington - Was die USA seit 1945 in der Welt angerichtet haben.

Wie der Untertitel verspricht, erwartet Sie eine verheerende Bilanz amerikanischer Politstrategien, „verdichtet zum Portrait einer gestörten Weltmacht“. Die USA als einen „rabiaten Hegemon“ vorzuführen, „der zur Durchsetzung seiner weltweiten Vormacht .. über Berge von Leichen geht, .. gelingt dem exzellenten Kenner der jüngeren US-Geschichte so überzeugend, dass eine Entlastung Washingtons kaum möglich erscheint“ (Arno Orzessek, DLF 8.11.21).

Religiöser Eifer, ein missionarisch überhöhter Lokalpatriotismus und hausgemachte Bedrohungsszenarien sind die harmloseren Zutaten einer immergleichen Provinzposse, die, entgrenzt, das Potenzial hat, in Allianz mit einem militaristischen Nationalismus zu halsbrecherischen Strategiespielen von apokalyptischen Ausmaßen zu eskalieren.

Bernd Greiners fundierte und materialreiche Darlegung ist ein dringendes Plädoyer für eine „Schubumkehr“, für ein Konzept zur Zivilisierung von Konflikten, das „die Sprache der Gewalt durch eine Grammatik des Vertrauens ersetzt“ (Greiner) – entgegen einer US-Politik, die jenseits auch nur der Rufweite dieser Vorstellung mit ungebrochener Faszination um ihre Streitkräfte kreist. Bis heute stehen die Anstrengungen von Brandt, Palme und Kreisky, der ‚ultima irratio‘ (Brandt 1971) des Wettrüstens mit einem ernsthaften Entwurf internationaler Zusammenarbeit entgegenzutreten, auf weiter Flur allein da.

Konferieren Sie anschließend gern mit uns bei einem Glas Wein!
Birgit Böhnke und Regina Giese


Bernd Greiner, Historiker, Politikwissenschaftler und Amerikanist, Autor zahlreicher Bücher und Aufsätze zur Geschichte internationaler Beziehungen, ist Gründungsdirektor des „Berlin Center for Cold War Studies“, lehrte Außereuropäische Geschichte an der Universität Hamburg und leitete den Arbeitsbereich „Theorie und Geschichte der Gewalt“ am Hamburger Institut für Sozialforschung. Er lebt heute in Lübeck.


Eine Veranstaltung unserer Buchhandlung.
Anmeldung erbeten unter buchhandlung@makulatur.com oder 0451-70 79 971

Eintritt 8 EUR. Es gilt die 2G-Regel.


(Foto des Autors: Ekko von Schwichow)

Was später ans Licht kam:

Nachlese zum 27. Oktober in der Synagoge


Lichteinfall und lange Schatten gehen im Nachkriegsdeutschland eine diffuse Verbindung ein. Ein - dank einer Trouvaille aus dem Privatarchiv von Peter Thoemmes anschauliches - Beispiel des Versuchs, die nachtschwarze Vorgeschichte bei gedämpftem Licht zu domestizieren, liefert die Preisverleihung an Paul Celan durch den Kulturkreis des Bundes der deutschen Industrie in der Katharinenkirche.

Aus dem Dunkel der Zeit, in der die Sonne der Kultur besonders niedrig stand, sticht der zivile Ungehorsam des Reserveoffiziers Wilm Hosenfeld hell hevor, an den die Künstlerin Ute Friederike Jürß mit ihrer am 1. November 2021 veröffentlichten Arbeit DIE ENTSCHEIDUNG erinnert, einer Kooperation mit dem Journalisten und Historiker Martin Doerry.

Ute Friederike Jürß: Die Entscheidung

Es ist nicht verjährt: Die Todesfuge vor Gericht

Eine Recherche


Carlebach Synagoge
Großer Betsaal
27. Oktober 19 Uhr
Sankt-Annen-Str. 11-13

Wir kommen zurück auf unser zu Celans Hundertstem im vergangenen November geplantes und geplatztes, an den drastisch eingeschränkten Besucherzahlen abgepralltes Vorhaben:

Thomas Sparr, Suhrkamp, Autor des Buches „Todesfuge – Biographie eines Gedichts“ (DVA 2020) und langjähriger Leiter des Jüdischen Verlags, im Gespräch mit Hans-Ernst Böttcher, Präsident des Landgerichts i.R.

1957 nahm Paul Celan in Lübeck den Kulturpreis des Bundes der Deutschen Industrie entgegen – seine erste Auszeichnung überhaupt, ausgelobt von einem Verband, der Unternehmen zu seinen Mitgliedern zählte, die von der mörderischen Zwangsarbeit beim Bau der ‚DG IV‘ profitiert hatten, dem SS-Mammutprojekt einer gigantischen ‚Durchgangsstraße‘ von Lemberg bis Stalino für den Nachschub von Kriegsgütern nach Osten.

Die einzige Quelle zur Ermordung der im Arbeitslager Michailowka Inhaftierten, darunter Celans Eltern, führt Anfang 1960 auf die Spur des SS-Sturmbannführers Franz Christoffel, Lübeck, Possehlstraße 41, 1942 hauptverantwortlich für den entsprechenden Bauabschnitt II und die Massentötung rumänischer Juden. Bei Prozessbeginn 1967 konnte der inzwischen Verstorbene nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden. Der traurige Wahrheitsgehalt der Todesfuge bricht nirgends so massiv hervor wie in den Ermittlungen der Lübecker Staatsanwaltschaft.

Darya Yakubovich wird auf Wunsch ins Russische übersetzen.
Der Architekt Thomas Schröder-Berkentien führt im Anschluss durch die sanierte Synagoge.


Eintritt 10 EUR, für Mitglieder der Jüdischen Gemeinde frei. Es gilt die 3G-Regel. Kopfbedeckung (Herren) erbeten!


Eine Veranstaltung unserer Buchhandlung
Anmeldung erforderlich unter buchhandlung@makulatur.com oder 70 79 971 (Anmerkung vom 26.10.2021: Die Veranstaltung ist ausgebucht!)

LN vom 26.10.2021 | Peter Intelmann: Der Tod von Paul Celans Eltern - eine Spur führt nach Lübeck


(Foto oben: Paul Celans Mutter Fritzi, abgebildet in Thomas Sparr: Todesfuge - Biographie eines Gedichts.)

Svenja Leiber Kazimira

Autorenlesung und Gespräch


2. Oktober 2021
Haus Eden, Königstraße 25
19 Uhr

Foto der Autorin: © Stefan Klüter/Suhrkamp Verlag


Wir laden ein in den Kinosaal der früheren Eden-Lichtspiele über der späteren Hanseaten-Diele zu Lesung und Gespräch mit Svenja Leiber:

In ihrem dritten bei Suhrkamp eben erschienenen Roman entwirft Svenja Leiber ein starkes psychogeografisches Porträt der Landschaft um Palmnicken, heute Jantarnyj, nordwestlich von Kaliningrad. Das Gelände will sich nicht schließen über dem größten Bernsteinabbaugebiet der Geschichte, einem wirtschaftlich und politisch ausgebeuteten, geschändeten Landstrich, versehrt und verwundet wie die Bevölkerung. Das Land wellt sich und klafft über einem Missbrauch, der 1945 in dem Plan gipfelte, über 3000 Mädchen und Frauen aus den Außenlagern des KZ Stutthof in den Stollen der „Anna-Grube“ einzumauern.

Es wurde und wird aber gelebt, schlecht und auch recht vom Bernstein und in seinem Bann, und was das Geschichtsgedächtnis nicht hergibt zwischen Aufstieg, Blüte und Verfall des Bergwerks und der Region, erschließt der Roman Wende für Wende entlang der verschütteten Wege, die das Leben vor allem der Frauen bestimmen. Oder die sie verlassen wie die unbeirrbare Kazimira.

Es wird gearbeitet, geliebt, gelitten, gebacken und angerichtet, viel angerichtet; es wird ausgewandert, ausgegrenzt, denunziert, gebrandschatzt, gemordet, gestorben und immer wieder geboren. Am Rand der „Annagrube“ türmt sich wie nebenbei der Aushub von anderthalb Jahrhunderten. Dass sich darunter bei allem Elend ein Leuchten verbirgt, fördert Svenja Leibers forschende und funkelnde Erzählkunst eindrücklich zutage.


Kritiken:

Ulrich Greiner, DIE ZEIT 19. Aug. 2021
Paul Jandl, Neue Zürcher Zeitung 8. Sept. 21 Svenja Leibers Roman «Kazimira» erinnert an ein Verbrechen der SS (nzz.ch)


Eine Veranstaltung unserer Buchhandlung. Anmeldung unter buchhandlung@makulatur.com u. 0451-70 79 971 Eintritt 8 EUR

Thomas-Mann-Preis 2020

Nora Bossong im Theater Lübeck und chez maKULaTUR


06. Juni 2021

Den Akt der Thomas-Mann-Preis-Verleihung belebte in vergangenen Jahren mitunter ein Moment der Überschreitung. Unvergessen Borchmeyer, Präsident der Bayerischen AdK, der, überschwänglich kostümiert - Schärpe, Medaillon – das Zeremoniell der Jetztzeit entrückte und sich glücklich pries, Ingeborg Bachmann auszeichnen zu dürfen. Man schrieb 2010, Christa Wolf wahrte die Fassung. Sein Nachfolger Michael Krüger verlas den Urkundentext, sagte also nichts Falsches und kraulte (sah man da recht?) dem Empfänger Safranski wie tröstend den Nacken. Diesmal blieb der Akademiepräsident aus und damit der Münchener Beitrag und auch die ersehnte Entgleisung.

Indes solche Details sonst eher hinterrücks an den Übervater des Preises erinnerten, verblüffte diesmal die unverzügliche Einberufung des Patrons. Nora Bossongs dritter Roman ‚Gesellschaft mit beschränkter Haftung‘, Aufstieg und Fall eines Familienunternehmens, hatte den Ton gesetzt. Die Bremer Herkunft vertrug sich damit, und ans Rednerpult trat – unverkennbar! – Gerda Buddenbrook.

Nora Bossongs schöne Rede - Referenz an TM und Ambivalenz – löste sich aus der hanseatischen Umklammerung in einer unerwarteten Wendung: sie steuerte zu auf ein Gedenken an den im Oktober verlorenen Vater, das dem Nachdenken über Verwandtes, Verehrtes und Versehrtes, Konvention und Kontrolle, Davos, Chaos und Contenance, Isolation und Zeitdimension eine eigene, sehr lebendige Konsequenz lieh.

Vor alledem, morgens, stellte sich Nora Bossong in unserer Buchhandlung dem NDR. Es fielen mehr Worte, als übrigblieben. Die Schwelle des ersten Satzes? Die Hürde baue sich eher bei Seite 23 auf. Und Anderes mehr rückte die journalistischen Fragen zurecht. Bleiben durfte die sprechende Pause, siehe Autorin Nora Bossong erhält renommierten Thomas Mann-Preis | NDR-Fernsehen


Ab 15. Juni liegen Nora Bossongs politische Texte vor: ‚Auch morgen‘, edition suhrkamp

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April 2021

'Es gefällt mir wirklich, wenn ich das rechte Ding im falschen Raum und das falsche Ding im rechten Raum bin.....Meist ist es die Sache wert, wenn du das rechte Ding im falschen Raum und das falsche Ding im rechten Raum bist, weil immer etwas Witziges dabei herauskommt. Das kannst du mir glauben, denn ich habe damit Karriere gemacht, dass ich das rechte Ding im falschen Raum und das falsche Ding im rechten Raum war. Da kenne ich mich wirklich aus!'

So Andy Warhol in 'The Philosophy of Andy Warhol (From A to B and Back Again)', erstmals 1975 in New York erschienen, hier zitiert aus der vergilbten deutschen Erstausgabe von 1991. Ein Taschenbuch, das es leider nicht mehr gibt. Aber dies gibt's:

Blake Gopnik: Warhol. Ein Leben als Kunst. Die Biografie, tausendzweihundertzweiunddreißig Seiten stark, ganz unvergilbt, weil neu erschienen bei Bertelsmann.

Ganz einfach


8. März 2021

Die Lehre des Gartens. Das Grün in den Schalen. Simplicity...oder ganz einfach: Wir haben wieder geöffnet!