6. Juli Hüxstraßenfest

zum SHMF 2024 im Zeichen Venedigs


Bei maKULaTUR liest um 18 Uhr aus 'Die Farben aller Wellen'

Thomas Plaichinger

Wenn das Straßenfest ausklingt, geben wir den leiseren Tönen Raum: Thomas Plaichinger liest aus seinem Erzählband ‚Die Farben aller Wellen‘, edition imaginär 2023.

Man könne Venedig keinen größeren Gefallen tun, als es nicht zu besuchen, heißt es. Machen wir einen Bogen darum entlang der Oberen Adria und folgen dem heranwachsenden und über die Alpen hinweg rückblickenden Erzähler nach Triest, und in anderer Richtung, zu anderer Zeit, ans Ligurische, ans Tyrrhenische Meer, an den Atlantik.

Salzburg 2018, Berchtoldvilla. ‚Ich saß als Writer in Residence in diesem Haus, und das mit der Vorgabe, ausgerechnet dort ans Meer zu denken (…), gerade seitdem ich von dort wegverpflanzt wurde und weit in den Norden hinein, tatsächlich fast ans Meer, an dem die Stadt, in die ich gebracht wurde, zwar nicht liegt, das aber auch aus der Entfernung so nach ihr greift, dass es sie und ihre Flüsse Ebbe und Flut aussetzt und die Möwen bis weit ins Land hineinholt.‘


Thomas Plaichinger, Studium der Literatur- und Theaterwissenschaften, Literatur- und Filmkritiker, schreibt Romane, Erzählungen, Theaterstücke und Libretti in Französisch und Deutsch, Lebensstationen in Hamburg, Paris und New York, Mitglied der Société des Gens de Lettres de France, im Vorstand des Literaturzentrum Hamburg

Böser Blick?

April 2024


"Bannkörbe sind eine spezielle Form der Imkereitechnik, die etwa zwischen dem 16. und dem 19. Jahrhundert in Norddeutschland, insbesondere in der Lüneburger Heide verbreitet war. Diese kuriosen Bienenkörbe zeichnen sich ... durch die Einarbeitung von grotesken und unheimlichen Holzmasken aus, die den 'bösen Blick' abwehren sollen. Die auch als 'Immenwächter' bezeichneten Bienenstöcke waren Unikate, von denen die Imker:innen normalerweise nur einige wenige besaßen, die sie in ihrem Bienenhaus strategisch plazierten... Sie dienten auch als Vogelscheuchen, um menschliche und nichtmenschliche Diebe abzuschrecken, die es auf die Bienen und ihre Erzeugnisse abgesehen hatten." (Aladin Borioli)

Den Blick in unser Fenster bannen wir mit Abbildungen aus dem Buch von Aladin Borioli: Bannkörbe. C/O Berlin Talent Award, 2024 erschienen im Spector Verlag, Leipzig. Ein böser Blick wird's nicht sein.

Das Tagebuch der Anne Frank vor Gericht

Eine Recherche


Mittwoch 27. 03. 2024, 19 Uhr

Carlebach Synagoge
Großer Betsaal
Sankt-Annen-Straße 11-13

 

Thomas Sparr, Berlin, Autor des im Herbst erschienenen Buchs „Ich will fortleben, auch nach meinem Tod“ – Die Biographie des Tagebuchs der Anne Frank im Gespräch mit Hans-Ernst Böttcher, Präsident des Landgerichts Lübeck i. R.

In der Zeitschrift Vereinigung ehemaliger Schüler und der Freunde der Oberschule zum Dom e. V. Lübeck kanzelt im Oktober 1958 der Studienrat Lothar Stielau, Vorsitzender des Lübecker Kreisverbands der Deutschen Reichspartei, das Tagebuch der Anne Frank mit einem Satz als gefälscht ab.

Die Behauptung zieht Stielaus Suspendierung nach sich, und Otto Frank reicht Klage ein. Die Staatsanwaltschaft des Landgerichts Lübeck ordnet mit Blick auf „die empfindliche Einstellung des Auslands gegenüber Deutschland und seiner Bevölkerung hinsichtlich der nationalsozialistischen Vergangenheit“ eine richterliche Untersuchung an. Die Vernehmung führt Otto Frank im Juli 1959 nach Lübeck und verlangt ihm ab, die politisch motivierten Angriffe durch den Nachweis der Echtheit des Tagebuchs zu entkräften; ausgerechnet der politisch belastete Friedrich Sieburg wird um ein Gutachten zur literarischen Qualität ersucht.

Ein Spiegel-Artikel macht die Auseinandersetzung publik und seziert neben Stielaus Unterstellung, hier werde Kapital aus der „deutschen Niederlage“ geschlagen, gründlich die Übersetzungsarbeit. Im selben Jahr bezweifelt Adorno die Rede von der „Aufarbeitung der Vergangenheit“; um Weihnachten sprechen Anschläge auf die Kölner Synagoge und jüdische Friedhöfe eine deutliche Sprache. Das ist nur ein – unabgeschlossenes – Kapitel der Biographie des Tagebuchs, dessen globale Wirkungsgeschichte bis heute weltweit an neuralgische Themen rührt.

Martha Kuhn, Schülerin an der Geschwister-Prenski-Schule, wird zur Umsetzung des Tagebuchs der Anne Frank als Graphic Novel referieren; Maria Kanewski, Schülerin am Katharineum, berichtet von der Arbeit der Gedenktag-AG ihrer Schule.


Eintritt 12 EUR, für Schüler:innen, Lehrer:innen und Mitglieder der Jüdischen Gemeinde frei. Bitte denken Sie, liebe Schüler und Herren, an eine Kopfbedeckung, ob Hut oder Mütze!

Eine Veranstaltung unserer Buchhandlung. Anmeldung unter buchhandlung@makulatur.com oder 0451-70 79 971 dienstags bis samstags ab 10 Uhr.

Bildungen und Ballungen


16. Januar 2024

'An den typographischen Sträuchern, Bildungen des Gedichts auf einem Weg, der weder aus den Dingen heraus noch zum Geiste führt, bestehen gewisse Früchte aus einer Ballung von Kugelsphären, die ein Tropfen Tinte füllt.'
(Francis Ponge: Die Brombeeren aus 'Im Namen der Dinge'. Suhrkamp Verlag)

Wer auf die Tinte zurückkommen möchte, findet Anregung und Rat in Jason Logans 'Make Ink. Ein Leitfaden zur Herstellung natürlicher Tinte', erschienen im Verlag Haffmans & Tolkemitt. Die Abbildungen oben entstammen diesem Buch.

Quallen statt Knallen

Die Feuerwerksqualle


31.12.2023

Die Feuerwerksqualle Halitrephes maasi könnte in allen nur denkbaren Neonfarben erstrahlen, ihre dreihundert Tentakel in der Strömung herumwirbelnd für eine beeindruckende Light-Show sorgen. Aber es müsste Licht auf sie fallen, was im 1500 Meter tiefen Ozean gewöhnlich nicht passiert. Niemand bekommt sie zu sehen, weshalb man sich mit der qualmenden, zischenden, knallenden Imitation begnügt, dem allfälligen und jetzt wieder bevorstehenden Silvesterfeuerwerk.

Möge das neue Jahr leuchten!


Die Abbildung entstammt dem Buch 'Faszination Qualle', erschienen 2023 im Leykam-Verlag (s. u. klein und groß)

Winterspiele


24.12.2023

Wir wünschen den Freundinnen und Freunden unserer Buchhandlung schöne und friedliche Weihnachtstage!

Rolf Verleger

gestorben am 8. November 2021 in Lübeck


November 2023

Die Musik hat ausgesetzt. Seine Reise nach Jerusalem endete zwischen den Stühlen.

Dieser November ist kein guter Monat, an den Todestag des jüdischen Lübecker Professors für Neuropsychologie Rolf Verleger zu erinnern, der als Mitgründer der neuen Jüdischen Gemeinde Lübeck und Delegierter des schleswig-holsteinischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden im Zentralrat gegen die militärischen Operationen Israels im Zweiten Libanonkrieg 2006 erst intern, dann offen in der taz Einspruch erhob, die „Berliner Erklärung Schalom 5767“ initiierte, dem Bündnis BIB (jetzt BIP) und 2009/10 der Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost vorstand, die 2019 im Zuge der heftig umstrittenen Verleihung des Göttinger Friedenspreises als BDS-nah von sich reden machte und heute die Gräueltaten der Hamas beschweigt.

Verleger sah in der massiven militärischen Antwort auf die Attacken der libanesischen Hisbollah einen Brandbeschleuniger von Antisemitismus; den Widerspruch zur Friedensbotschaft und Ethik des Judentums und zur öffentlichen Rolle des Zentralrats als moralische Kontrollinstanz erfuhr er als ein Dilemma – seine Kritik schreckte vor einem Vokabular nicht zurück, das inzwischen weltweit kursiert als radikaler Gemeinplatz antiisraelischer Propaganda.
Im Juni 2019 baten wir ihn um ein Wort im Rathaus zur Vorstellung der eben übersetzten Autobiografie Chaim Cohns. Erlebt haben wir ihn als einen Redner, der sich mit Empathie den erwartungsvollen Aufbaujahren des israelischen Rechtsstaates zuwandte, an dessen Ausgestaltung der Jurist Cohn, Enkel des Lübecker Rabbiners Salomon Carlebach, im Justizministerium und am Obersten Gericht im Zeichen der Menschenrechte und eines liberalen Judentums streitbar und ausgleichend mitgewirkt hat.

Zu sagen, er habe sich in die Nesseln gesetzt, tönt dieser Tage besonders harmlos. Und beschreibt doch die unverdrossene Gesprächs- und Konfliktbereitschaft, mit der Rolf Verleger seine Person und seine Ämter zur Disposition gestellt hat. Postum wurde er 2022 in der Lübecker Carlebach-Synagoge mit dem Erich-Mühsam-Preis ausgezeichnet.


Abb.: Chaim Cohn, Aus meinem Leben. Jüdischer Verlag 2019. Buchvorstellung mit Thomas Sparr/ Suhrkamp, Nadine Garling, Judaistin, und Rolf Verleger am 13.06.2019 im Audienzsaal des Lübecker Rathauses

Zur Orientierung im Minenfeld

Oktober 2023


Relativiert eine multiperspektivische Erinnerungskultur die Singularität der Schoah?
Welchen Effekt hat der antihegemoniale Diskurs um den Kolonialismus auf die Haltung gegenüber Israel?

Dicht am Puls des Konflikts, der die überfällige Debatte seit dem Massaker der Hamas befeuert und blockiert, untersuchen und vermitteln Autor*innen und Herausgeber*innen des kritischen Sammelbandes 'Frenemies', erschienen 2022 in Kooperation mit der Bildungsstätte Anne Frank, konkurrierende Positionen zu brennenden Fragen wie:

Können Linke antisemitisch sein?
Wie hängt der Kapitalismus mit Antisemitismus zusammen?
Ist Kritik an Israel antisemitisch?
Hat der Kunstbetrieb ein Problem mit Antisemitismus?
Ist Zionismus eine Form von Kolonialismus?
Gibt es Konkurrenz in der Erinnerung an den Holocaust und Kolonialismus?
Gibt es einen spezifischen Antisemitismus unter deutschen Muslim*innen?
Was bringt jüdisch-muslimischer Dialog?
Bildungsarbeit gegen Antisemitismus und antimuslimischen Rassismus: Geht das zusammen?

Sina Arnold, Saba-Nur Cheema und Meron Mendel haben den hochinformativen Band herausgegeben, ca. 50 weitere teils konträr positionierte Autor*innen zusammengetrommelt und schon vor Drucklegung im Ringen um ein Nebeneinander in einem Wespennest gestochert.


Frenemies. Antisemitismus, Rassismus und ihre Kritiker*innen. Herausgegeben von Meron Mendel, Saba-Nur Cheema und Sina Arnold. 350 Seiten. Edition Bildungsstätte Anne Frank 3. Verbrecher Verlag Berlin 2022. EUR 20,00