Einmal mehr konstatieren wir mit Dankbarkeit, dass Dr. phil. Angela Steidele der Wissenschaft verloren gegangen ist. Indes ist die Wissenschaft der Schriftstellerin Angela Steidele nicht abhanden gekommen, so wie man den Boxer zwar aus dem Ghetto bekommt, das Ghetto nur nicht aus dem Boxer, oder wie man den Ludwig wohl aus dem Schloss bekommt, das Schloss hinwiederum nicht aus dem Ludwig und letztlich auch nicht den Ludwig aus
seinen Schlössern.
Die empirische Wissenschaft unterm mit schriftstellerischer Präzision durchaus lustvoll geführten Seziermesser, gesehen im erweiterten Speculum exakter Geisteswissenschaft: leichthändig jongliert die Autorin - hier zu sehen im anschließenden Gespräch mit Cornelius Borck - mit einem verblüffenden Instrumentarium. Kein Ball, den sie nicht zurückspielt. Das Hirn, keineswegs unbeteiligt, blieb derweil unbeirrt an seinem Platze.
Es war uns und dem Publikum von der ersten bis zur leider letzten Minute ein großes Vergnügen!
(Fotos: Thorsten Wulff - anklicken, so sieht man mehr! Bearb.: RG. TW sieht's ihr nach)
Im Dezember 2015 las Angela Steidele bei uns aus ihrem preisgekrönten Roman ‚Rosenstengel‘. Nicht genug: auf unser Drängen hin besucht sie uns wieder und schält diesmal das psychiatriegeschichtlich Pikante heraus.
München 1884. Während der junge Irrenarzt Franz Carl Müller sich im obligatorischen Austausch mit seinen Mentoren von Gudden und Westphal als Leibarzt des geistig verwirrten Bruders Ludwigs II. bewährt, bereitet er unwissentlich das irrenärztliche Gutachten zur Entmündigung des bayerischen Märchenkönigs vor.
Müllers Steckenpferd, eine Forschungsarbeit am Fall der Catharina Linck, die um 1700 unter dem Namen Anastasius Rosenstengel als Prophet umherzog und für ihr erfundenes Leben schließlich zum Tode verurteilt wurde, involviert ihn im Gespann mit Ludwig in die Vorstellungswelten pietistischer Kreise. Um der Zuspitzung willen verhehlen wir hier das raffinierte Webmuster dieses Briefromans mitsamt seinen virtuos die Sprachgewohnheiten des frühen 18. wie des späten 19. Jahrhunderts imitierenden Erzählebenen:
Für das Kolloquium im Institut für Medizingeschichte und Wissenschaftsforschung isoliert Angela Steidele das ärztliche Personal aus dem komplexen Geschehen und beleuchtet anhand des leidenschaftlichen, teils maliziösen Schriftwechsels zwischen den konkurrierenden Hirnforschern und Irrenärzten Bernhard von Gudden, Paul Julius Westphal (= Paul Julius Möbius & Carl Westphal) und Franz Carl Müller - über die neumodische »zwangfreie Behandlung« versus effektives »Siegburger Siegel«, über die »conträre Sexualempfindung« oder die »Krankheit Weib« - ein trauriges, krudes und skurriles Stück Psychiatriegeschichte.
Es darf laut gedacht und gelacht werden!
Das war eine gelungene Überraschung: Eine Prämierung durften wir erwarten, als wir zur Preisverleihung nach Heidelberg reisten. Aber uns in der Kategorie 'Besonders herausragende Buchhandlungen' wiederzufinden? Welche Freude!
Jenny Erpenbeck, der unlängst hier in Lübeck der Thomas-Mann-Preis verliehen wurde, sagte in ihrer Laudatio:
'Auf jeden Fall, da sind wir uns wohl einig, ist Lesen eine ganz besondere Mischung aus Weltflucht und Weltinteresse – und diese Mischung begegnet uns im Geschäft des Bücherverkaufens wieder.
Wir alle wissen, dass jemand, der eine Buchhandlung aufmacht, nicht ganz bei Trost sein kann, geschäftlich gesehen. Es gibt Dinge, die sich leichter verkaufen lassen und mit denen deutlich mehr Gewinn zu machen ist. Der Anreiz des Gewinnmachens, der unsere Gesellschaft strukturell zusammenhält, ist nicht das, worum es beim Bücherverkaufen geht, zumindest nicht die Hauptsache. In diesem Sinne handelt es sich um ein bewusstes Pfeifen auf die Welt, die unsere heißt, hier, im Westen Europas. Gleichzeitig hat das Geschäft des Bücherverkaufens mehr als die meisten anderen Geschäfte damit zu tun, die eigene Begeisterung zu teilen, in den Raum, der sich einem selbst aufgetan hat, auch andere eintreten zu lassen. Bücherverkaufen ist so nicht nur eine per se gastfreundliche Profession, sondern auch ein Berufszweig, der vom gemeinsamen Interesse an der Welt lebt.
Wir zeichnen heute fünf Buchhandlungen aus, die sich in besonderer Weise um diese Art der Gastfreundlichkeit, um diese besondere Art des Interesses an der Welt verdient gemacht haben.
maKULaTUR ist eine Lübecker Buchhandlung, die sich dem Schönen verschrieben hat. Kinderstube und erstes Erprobungsfeld der beiden Inhaberinnen war der Bücherbogen am Berliner Savignyplatz, sicher ein Ausgangspunkt auf höchstem Niveau. In der Lübecker maKULaTUR aber gibt es neben Kunst- und Bildbänden auch sorgfältig ausgewählte belletristische und philosophische Literatur, und darüber hinaus, trotz der bei 55 m² durchaus beschränkten Räumlichkeit, sogar regelmäßig Musik- und Wortkunst-Veranstaltungen – aufgezeichnet und anzusehen in einem eigens gegründeten Internet-Kanal mit dem originellen Namen »Wolkenkuckucksheim«. Makulatur erreicht so branchenübergeifend ein junges, aufgeschlossenes Publikum und wirkt in einer Welt, die in vielerlei Hinsicht auf den kleinsten gemeinsamen Nenner, auf Verflachung der Urteilskraft, auf den sogenannten mainstream abzielt, als Leuchtturm für Nebenwege. Die Jury war sich darin einig, diesen Schleswig-Holsteiner Leuchtturm, der, wie es Leuchttürme so an sich haben, einsam dasteht, auszuzeichnen und mit einer ordentlichen finanziellen Beihilfe zu unterstützen.'
Ihre Lobrede auf die vier weiteren als besonders herausragend prämierten Buchhandlungen, - Klaus Bittner in Köln, die Connewitzer Verlagsbuchhandlung in Leipzig, Bindernagel in Butzbach und Mahr in Langenau - ist unter https://www.deutscher-buchhandlungspreis.de/laudatio-kategorie-besonders-herausragende-buchhandlungen-jenny-erpenbeck/ nachzulesen! Wir befinden uns in allerbester Gesellschaft!
Allen Lesern und Bücherfreunden, die unsere Buchhandlung schätzen, mit Leben füllen und erhalten, sei gesagt: Auch hier wird noch gefeiert!
maKULaTUR bleibt vom 4. bis 6. Oktober 2016 geschlossen.
Svenja Leiber, die im März 2015 bei uns aus ihrem Roman 'Das letzte Land' las, hat unter der unregelmäßig erscheinenden Börsenblatt-Rubrik 'Autoren über ihre Lieblingsbuchhandlung' einen so herzerwärmenden Artikel über maKULaTUR geschrieben, dass wir nicht umhin können, ihn hier zugänglich zu machen:
Herzlichen Dank, Svenja Leiber!
'Die Buchhandlungen sind Garanten unserer verlegerischen und literarischen Vielfalt. Sie tragen mit großem Einsatz und Engagement zu kultureller Attraktivität und Lebensqualität ihrer Region bei.' Monika Grütters, Pressemitteilung, 8. August 2016
Auch in diesem Jahr gibt es wieder eine Nacht der Labore, in der die Lübecker Hochschulen, Unternehmen und Kliniken ihre Labortüren für die interessierte Öffentlichkeit öffnen. Die teilnehmenden Unternehmen und Institutionen erweitern für Sie das Labor als Forschungsraum über die naturwissenschaftlichen Disziplinen hinaus und geben einen Einblick in ihre Arbeit.
Ein kostenloser Bus-Shuttle bringt Sie von Ort zu Ort, von Labor zu Labor. Das eventuelle Warten auf die nächste Führung wird bestimmt nicht langweilig. In den „aktiven Wartezonen“ der Labore gibt es eine Nacht lang attraktive Programme für die ganze Familie.
Im Institut für Medizingeschichte und Wissenschaftsforschung, Königsstraße 42, präsentieren Studierende der Medizin im Rahmen eines 'Gender Lab' ihre Arbeiten zum Themenfeld Körper und Geschlecht. Die Kulturwissenschaftlerin Dr. Mithu Sanyal spricht um jeweils 19.30, 20.30 und 21.30 Uhr über das Thema ihres Buches 'Vulva. Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts' (Wagenbach Verlag 2009). maKULaTUR ist mit einem Büchertisch dabei.
Der Besuch der Nacht der Labore ist kostenfrei. Das Programm inklusive Bus-Shuttle-Fahrplan finden Sie unter
http://www.hanse-trifft-humboldt.de/images/stories/Nacht-der-Labore/Programm_Nacht%20der%20Labore%202016-web.pdf
Cornelius Borck:
Medizinphilosophie zur Einführung
Junius Verlag 2016
Medizinphilosophie hinterfragt die Logik ärztlichen Handelns und medizinischen Wissens. Medizin fordert zur Reflexion heraus, weil sie noch nie so umfassend und leistungsfähig war wie heute. Sie interveniert in die individuelle Erfahrung von Kranksein und die kulturelle Wahrnehmung von Gesundheit. Sie ist permanenter Veränderung unterworfen und unterstellt ihre Problemlösungen dem technisch Machbaren und ökonomisch Realisierbaren.
Diese Einführung begreift die Medizin als Herausforderung der Philosophie, weil ihre Leistungsfähigkeit der Medizin zum Problem geworden ist: Um die Perspektive der Gesundheit wiederzugewinnen, reicht es nicht, dass die Medizin immer besser wird.
Cornelius Borck berichtet im Gespräch mit Christoph Rehmann-Sutter aus der Arbeit an dem Buch und stellt ausgewählte Abschnitte zur Diskussion. Der Verleger Steffen Herrmann stellt die Reihe der 'Einführungen' im Junius Verlag vor.
Eine Aufzeichnung der Veranstaltung wird am 12. Juni 2016 um 14 Uhr bei Lübeck FM gesendet. Frequenzen: 98,8 Mhz Antenne, 106,5 Mhz im Kabel und im Internet Livestream über die Adresse www.okluebeck.de