Marie-Luise Scherer im 25. Jahr nach der Hundegrenze


25. März 2014

 

Einer bemerkenswerten Lesung und deren schönem Ausklang mit Marie-Luise Scherer im März nachhorchend und -hängend, weil nicht alle Tage zu haben; das veröffentlichte Oeuvre ist schmal, die Autorin schreibend so selbstkritisch, stilsicher und sparsam wie großzügig im Gespräch:

Woraus sie las, möchten wir noch einmal herausstellen: Sie las an den Ausgangsorten ihrer Recherche aus der bei Matthes & Seitz jetzt neu aufgelegten, als Reportage nur unzureichend bezeichneten 'Hundegrenze'. Die Lesereise von Lübeck über Selmsdorf und Ratzeburg wurde von der Heinrich Böll Stiftung Schleswig-Holstein veranstaltet.

Wehrpflichtige, Wachsoldaten, Grenzaufklärer, Abschnittsbevoll-mächtigte am Boden und auf den Türmen auf der Höhe von Lübeck, Selmsdorf, Ratzeburg, Zivilpersonen hinterm Schlagbaum im Sperrgebiet, eingestreut Jagdkollektive im Scheinwerferlicht, Hunde, aufgereiht in akkurater Taktung - ein nach starrer Cho-reographie hierarchisch aufgestelltes Ensemble schottet an der innerdeutschen Grenze Ost gegen West und kaum weniger effektiv Ost gegen Ost ab. Die innerostdeutsche Zone folgt eigenen Regeln; dass das Muster auf ungenehmigten Streif- und Beute-zügen durchbrochen werden kann, sichert ihren Bestand.

Der verborgene kleine Grenzverkehr in der unfreien Handelszone zwischen den Hundelaufleinenanlagen und Minenfeldern des Todesstreifens und dem Sperrgebiet, das als "Kleinbürgerlichkeit nach Dienstschluss" gebrandmarkte Zubrot durch Tierzucht und sonstigen Nebenerwerb, die Rituale der Übertretung sind einge-übte Akklimatisierungspraktiken der Bewohner, die das elende Schicksal der Hunde an der Trasse buchstäblich nur am Rande berührt.

Die einzige amtlich gewordene kreatürliche Übertretung gelang einem privilegiert irrenden Hund aus Lübeck, einem verwöhnten Zögling der Klassengesellschaft, aus deren vornehmsten Reihen - Tennis spielenden Aristokraten und Industriellendynastien - der "aufreizenden Vorstellung" des Stabsoberfähnrichs Zimmermann zufolge die Bundesgrenzschutzsoldaten rekrutiert würden.

Die existentielle Not der angeleinten Wachhunde auf der schmel-zenden Eisfläche des geteilten Lankower Sees, Inbegriff der Sinn- und Trostlosigkeit, beschließt das sachlich und sprachlich dichte Zeugnis einer Feldforschung, die ohne interpretierende Eingriffe zum Psychogramm eines systematisch eingezwängten Milieus und unter der Hand Marie-Luise Scherers darüber hinaus zu "akuter Literatur" gerät.

 

Marie-Luise Scherer, geboren 1938 in Saarbrücken, war über zwanzig Jahre lang Autorin beim "Spiegel', der sich ihre Lang-samkeit erlaubte, notabene ihre Sorgfalt sich gönnte. Die vor-liegende Reportage erschien erstmals in Heft 6/1994, zehn Jahre später wurde sie in den inzwischen vergriffenen Sammelband      "Der Akkordeonspieler" aufgenommen. Marie-Luise Scherer wurde mit dem Ludwig-Börne-Preis, dem Italo Svevo Preis und dem Heinrich-Mann-Preis ausgezeichnet.

 

Peter Gente


23. April 1936
bis 8. Februar 2014

"Die Welt ist voller Geräusche. Töne sind Ausnahmen. Hört man einen Ton, treten die Geräusche zurück. Den Ton umgibt eine Stille (...) Vor seinem Verklingen versinkt er wieder ins Geräusch zurück. Wie ruft man einen Ton hervor? Man trifft ihn nie genau.
Die Intonation ist immer unrein. Es kommt nur darauf an, wie lange man braucht, aus dem Rauschen und Geräusch herauszufinden und auf die Ausnahme eines Tons zu treffen." (Hannes Böhringer, Die Intonation der Orgel, in: Orgel und Container, Internationaler Merve-Diskurs 176, Berlin 1993)

Wir denken an eine lange zurückliegende Begegnung mit Peter Gente, Nachbar in Berlin-Schöneberg, im Prater am Prenzlauer Berg. Thomas Kapielskis Nasenflöten-Orchester spielte auf.
Die Intonation war unrein. Die Töne umgab keine Stille.
Mit Peter Gente haben wir uns bei gellendem Lärm am Tresen unterhalten, einander anbrüllend, und behielten bei alledem den Eindruck eines solchen "Tischgesprächs" zurück, wie Boehringer es im Container-Essay beschreibt: "Wie ein Ornament umspielt" es "labyrinthisch die Tafelrunde." Und eines Gesprächspartners, der den rechten Ton hervorrufen, treffen und halten konnte. Nun ist er zurück versunken ins Geräusch. Vor seinem Verklingen.

 

Peter Gente führte den 1970 kollektiv in Berlin gegründeten Merve-Verlag von 1976 an gemeinsam mit Heidi Paris, die sich im September 2002 das Leben nahm. Im Februar 2007 legte er die Geschicke des Verlags endgültig in Tom Lambertys Hände, eine 13stündige Feier im Hebbel-Theater verabschiedete ihn.
Der Verkauf des Verlagsarchivs an das Karlsruher ZKM sicherte ihm ein Auskommen, wenn auch nicht hierzulande, und hätte es ihm seiner Disposition zufolge drei weitere Jahre gesichert.

Das Temperament Peter Gentes und Heidi Paris'  führte dem chronisch unterfinanzierten Verlag illustre Autoren zu, an deren "Einbürgerung" er wesentlich Anteil hatte: die französischen Theoretiker Deleuze, Guattari, Foucault, Blanchot, Virilio, Lyotard, den Sinologen Jullien, flankiert von Cage, Szeemann, Kippenberger, Kluge, Kittler, Böhringer und Autoren aus dem persönlichen Berliner Umfeld wie Zischler, Kapielski, Blixa Bargeld, um nur einige heraus zu greifen.

 

Wommer+Sinter, Sonter+Wimmer


31.Dezember 2013

Die Aufnahme ist dem spätsommerlichen Urlaubsalbum entnommen, sie eilte ihrer Zeit voraus. Es ging dann auch alles sehr schnell. Das alte Jahr verschwimmt. Wir wünschen den Freundinnen und Freunden unserer Buchhandlung ein gutes neues Jahr mit scharfen Konturen und steilen Kurven und einem deutlichen Akzent auf den Höhepunkten! 

 

 

mit Kinderaugen

12. Dezember 2013


Messer, Gabel, Schere, Licht..

Wir raten ab, noch so dringlichen Kinderwünschen unbesorgt Folge zu leisten. Es ist eine Weile her, doch gewinnt die folgende Episode um die Weihnachtszeit an Aktualität:

Vater und Kind von vielleicht vier Jahren durchforsten still das Sortiment. Da erhebt sich die auffallend raue Kinderstimme, sie spricht (und wir hören das gern in solchem Brustton der Überzeugung): "Wir brauchen das." Pause. "Wir brauchen das so sehr. So sehr brauchen wir das." Und immer so fort. Das Kind hält ein Buch fest an sich gepresst, das möchte es nicht wieder hergeben. Es schmollt dann aus der Tiefe seiner Seele. Und wir sehen, woher der Wunsch rührt, es ist ein romantischer Wunsch: Den Titel schmückt die märchenhafte Illustration eines Kindes im purpurfarbenen Mäntelchen, mütterlich geleitet von einer Engels-gestalt; ein Bach, ein Steg, eine Tanne, ein Häuschen, in der Ferne verschneite Gipfel. Unter den Arm geklemmt trägt das somnambul schreitende Kind ein unentbehrliches Buch. Wohin des Wegs, ist nur Kinderaugen ein Rätsel.

Drum: Messer, Gabel, Schere, Licht/ sind für kleine Kinder nicht! (Fortgeschrittenen Lesern, nicht allen, sei Josef Winkler ans Herz gelegt.) 

 

Zahmer Xaver

6.12.2013


wer jetzt kein Haus hat

Orkan an der Küste? In Lübeck hat er allenfalls etwas windige Züge; gestählte Naturen begehen den zweiten Advent gemütlich im Strandkorb.

(Foto: bb maKULaTUR)

Dinge, die uns finden

z. B. heute, am 26. Nov. 2013


ausgepackt und aufgeschlagen:

eine Doppelseite aus
Christiane Haas: Ich bin etwas komplett Neues.
Eine Sammlung von Dingen, die mich fanden.
gerade erschienen im Hermann Schmidt Verlag

 

 

ElfterElfter

Montag, 11.11.2013


Wilde Männer und ihre Vorbilder

Was kommt uns am 11.11. in den Sinn?
Zum Beispiel der Besuch jenes familienfreundlichen Geschöpfs aus Finnland, dessen Vorfahren den Anstoß zu den wildesten Auftritten und Kostümierungen gegeben haben. Das Buch, mit dem es sich ungerührt ablichten ließ, ist 2013 bereits in der 3. Auflage erschienen:

Charles Fréger: Wilder Mann, Kehrer Verlag, Heidelberg (Näheres unter Fotografie)

 

Angela J. A. Kallen

buchvorstellung und ausstellung


freitag 8. november 2013 20.00 uhr


buchhandlung maKULaTUR hüxstrasse 87, 23552 lübeck

fon 0451-70 79 971

Die Lübecker Künstlerin Angela J. A. Kallen hat sich bildnerisch – in Aquarellen und Kalligraphie – der Gedichte der französischen Lyrikerin Odile Caradec angenommen und legt ihre Arbeiten in einer signierten und nummerierten Edition vor, welche die hier-zulande Wenigen bekannte und von diesen umso eindrücklicher wahrgenommene Autorin weiteren Wenigen nahe bringen möchte.

Signierte Einzeldrucke der Arbeiten von Angela J. A. Kallen sind ausgestellt. Die Hamburger Rezitatorin Brigitte Wellner liest aus dem lyrischen Werk Odile Caradecs in deutscher und französischer Sprache. Christiane Gerber-Freund, Leiterin des ODILE Verlags, erzählt von ihrer Begegnung mit der Dichterin.