Todesfuge - Biographie eines Gedichts

Thomas Sparr

Todesfuge - Biographie eines Gedichts


Paul Celan 1920-1970. 336 Seiten. Zahlreiche Abbildungen und Faksimiles. 220 mm. Mit bedrucktem Vorsatz und Lesebändchen.
Deutsche Verlagsanstalt 2020
Hc. mit Schutzumschlag 22,00 EUR


Celan 1920//2020. Unterschwellig machte in diesem Frühjahr ein anderes Celan-Gedicht die Runde; schuld daran ist sein Titel, es heißt Corona: ".. Wir stehen umschlungen im Fenster, sie sehen uns zu von der Straße .."

Kein Gedicht, kein zweites deutschsprachiges Werk aber hat nach 1945 solche Berühmtheit erlangt wie Paul Celans Todesfuge. Entstanden unter dem unmittelbaren Eindruck der Ermordung der Eltern durch die Nationalsozialisten, hat es Celan ein Vierteljahrhundert begleitet. Die zunächst kontroverse Aufnahme in den 1950er Jahren und die Rezeption des Gedichts in der deutschen Erinnerungskultur setzt eine ganze Epoche ins Bild; die enorme internationale Wirkungsgeschichte des Gedichts, seine Wiederkehr in Musik, Literatur und Bildender Kunst reißt bis heute nicht ab.

Ein Schlaglicht auf die Gemengelage in Nachkriegsdeutschland wirft die erste Auszeichnung, die Celan überhaupt erhielt, und das in Lübeck: Fünf Jahre nach dem legendären Treffen und Stechen der Gruppe 47 im Niendorfer Hotel Kasch nahm Celan 1957 hier den Kulturpreis des Bundes der Deutschen Industrie entgegen – seine erste Auszeichnung überhaupt, ausgelobt von einem Verband, der Unternehmen zu seinen Mitgliedern zählte, die von der mörderischen Zwangsarbeit beim Bau der ‚DG IV‘ profitiert hatten, dem SS-Mammutprojekt einer gigantischen ‚Durchgangsstraße‘ von Lemberg bis Stalino für den Nachschub von Kriegsgütern nach Osten.
Die einzige Quelle zur Ermordung der im Arbeitslager Michailowka Inhaftierten, darunter Celans Eltern, führt Anfang 60 auf die Spur des SS-Sturmbannführers Franz Christoffel, Lübeck, Possehlstraße 41, 1942 hauptverantwortlich für den entsprechenden Bauabschnitt II und die Massentötung rumänischer Juden. Bei Prozessbeginn 1967 konnte er nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden. Der ‚traurige Wahrheitsgehalt‘ der Todesfuge bricht nirgends so massiv hervor wie in den Ermittlungen der Lübecker Staatsanwaltschaft und verweist Celans Kritiker, die den ‚verflucht aesthetischen Klang‘ (Werner Kraft) und die ‚raffinierte Partitur‘ (Reinhard Baumgart) rügen, in die eigene Komfortzone.

Thomas Sparr rekonstruiert die Rezeption der Todesfuge entlang der Orte, Begegnungen, Zeugnisse und Zerwürfnisse als "Teil der Geschichte des Antisemitimus in Nachkriegsdeutschland" - und als eine Celans Leben begleitende und beschädigende schwere Irritation.


Der promovierter Literaturwissenschaftler und Philosoph Thomas Sparr, heute Editor at Large im Suhrkamp Verlag, arbeitete an der Hebräischen Universität in Jerusalem und im Literaturarchiv Marbach, leitete 1990 bis 1998 den Jüdischen Verlag, war Cheflektor bei Siedler, dann leitend bei Suhrkamp. Mehrere Arbeiten zu Celan. Mit seinem Buch "Grunewald im Orient - Das deutsch-jüdische Jerusalem" war er im August 2018 erstmals bei uns zu Gast; im Oktober darauf begleitete er Christoph Heins Lesung im Johanneum als Freund und Verleger, und im Mai 2019 konnten wir ihn gewinnen, die Autobiographie Chaim Cohns im Lübecker Rathaus vorzustellen.